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4. August 2017

Vom sich verselbständigenden Geld


Neymar hat sich für 222 Millionen transferieren lassen. Ein Aufschrei des Entsetzens, zumindest ein offener Mund ungläubigen Staunens bei Fußballfans und wohl auch Vereinsmanagern ob dieser schwindel(!)erregenden Höhe.

222 ist also die neue Zahl der Hölle - vorläufig, denn die biblische 666 für den Teufel wird auch noch erreicht werden. Geld im freischwebenden Turbokapitalismus hat nun einmal die Tendenz, sobald angehäuft sich zu verselbständigen.

Der "gemeine" im Sinne von gewöhnlich verdienende Fußballliebhaber hat nur die Möglichkeit, sich vom Profitfußball abzuwenden oder das zu tun, was die Briten mit "grin and bear it" umschreiben: gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Denn der gemeine Manager, Berater, Vermittler etc. spielt dieses Spiel schon seit längerem, vielleicht sogar seit Beginn der Zivilisation.

Dieselskandal - Millionen von Autokäufern sind hinters Licht geführt, schlichtweg betrogen worden. Das soll nun mit einem Software-Update geheilt werden. Einem Software-Update! Einer kosmetischen Maßnahme auf der Benutzeroberfläche! Zur selben Zeit erhält der Volkswagen-Vorstand 54 Millionen Euro extra Geld auf die üppigen Gehälter obendrauf. Grin and bear it? Oder zur Konkurrenz wechseln? Die aber ebenso gemogelt und betrogen hat? Also gar kein Auto mehr? Aber wie chauffiert die Familie sich dann ans Meer? Oder zum Discounter für den Großeinkauf?

Eierskandal - Millionen von Konsumenten sind hinters Licht geführt, betrogen worden. Selbst Eier aus ökologischer Freilandhaltung sind mit Gift infiziert. Die Tiere wohl ebenso. Wird deshalb die Massentierhaltung verboten? Mitnichten. Es hängen ja immer ach so viele Arbeitsplätze dran. Und die Wirtschaft - der kategorische Imperativ des 21. Jahrhunderts - muss florieren, auf Teufel komm raus.

Nur zwei aktuelle Beispiele von einer langen Liste: Zigaretten, Atomkraft, Börsenhandel, Mieten, Immobilien, GEZ-Steuer, Nebeneinkünfte von Abgeordneten - die Ausplünderung vieler zur Bereicherung weniger. Aber haben nicht schon die ägyptischen Könige...?  

Für den Profitfußball ist "222" kein Sündenfall. Für den Profitfußball bleibt dies nur ein weiteres Showelement im von den und für die Fans veranstalteten Tanz ums Goldene Kalb.

Grin and bear it? Ja, wer weiter mittanzen will. Und mit seinem Diesel zum Auswärtsspiel fährt, als sei weiterhin nichts geschehen.

29. Mai 2015

So seh'n Geldsieger aus


„Quickborn, 29. Mai 2015. Für das DFB-Pokalfinale am Samstag ist der BVB klarer Favorit – solange es nach den Privatanlegern geht. Denn sie sind kurz vor dem Spiel in Kauflaune und zeigen damit dem VfL Wolfsburg die rote Karte. Das belegen die Depotauswertungen von comdirect: Über die Hälfte aller BVB-Trades (51 Prozent) in der vergangenen Woche waren Käufe, ein Vertrauensbeweis für die Dortmunder Elf. In der Woche zuvor machten die Käufe sogar 74 Prozent der Transaktionen aus. Die nicht repräsentative Auswertung zeigt, dass die Privatanleger bei comdirect auf einen Sieg des einzigen börsennotierten deutschen Fußballvereins setzen.“

Soweit die Pressemitteilung der Bank. Abgesehen davon, dass 51 Prozent nicht unbedingt eine überwältigende Mehrheit ist, abgesehen davon, dass es schon wundert, wenn die Bank die Depots ihrer Privatkunden „auswertet“ – die Absurdität von sog. Kauflaunen hat, wie man auch als Spekulations-Laie inzwischen weiß, schon den einen oder anderen Betrieb ins Verderben gerissen. Aber so seh’n halt Sieger aus, schalalalala, wenn süßer die Kassen nicht klingeln…

Angesichts solcher „Fußball“-Meldungen kann man eigentlich nur noch kotzen. Und anstelle von Quickborn steigt einem ein Suddendeath vor Augen.

4. Februar 2014

Maschinenfußball

Die seien fast wie Maschinen, sagte Mittelfeldspieler Alexander Meier über diese Bayern. „Die verlieren keinen Ball." - So der Mittelfeldspieler der Frankfurter Eintracht nach jener 0:5-Demütigung letzten Sonntag in der Frankfurter Rundschau. Ich frage mich: nur "fast"?

Längst spricht man den Bayern absolute Perfektion am Ball zu; die Siegesserie in der ersten Liga und die gewonnenen Trophäen der letzten Saison sprechen für sich. Sie gelten mittlerweile als eine der besten, wenn nicht DIE beste Mannschaft der Welt. Die seit Monaten gezeigte Überlegenheit der Bayern sei „bitter für die Bundesliga insgesamt“, meint denn auch Heribert Bruchhagen, der Vorstandschef der Frankfurter in der FNP.

Es ist nicht nur bitter, es könnte auch das Ende des Fußballs, wie wir ihn bisher kannten, sein. Wenn es dem FC Bayern gelingt, diese Qualitätsstufe zu halten, und der Kader und ein ewig unzufriedener Herr Sammer garantieren dies, haben wir zumindest einen Verein, dessen Unerreichbarkeit
nur noch Erfolgsjunkies ergötzt. Denn Perfektion nutzt sich ab, wird langweilig, Maschinenfußball interessiert nicht - wird quasi zum Fußballkunstwerk im Zeitalter seiner eigenen technischen Reproduziertheit.

 Sollte es dazu kommen, dass andere Teams auch diesem Maschinenfußballvorbild nacheifern, gar nachfolgen, wird das Interesse an der Liga, so wie sie zur Zeit organisiert ist, kippen. Und sich vielleicht der zweiten oder dritten oder vierten vermehrt zuwenden: dort wird noch Fußball auf der Grasnarbe gespielt.

3. Januar 2014

Merkwürdig...

... diese Stille, diese Leere, diese Armut an Nachrichten - allenfalls eine völlig belanglose Neuverpflichtung eines Verteidigers seitens eines Abstiegskandidaten Marke Torschlusspanik dringt zu uns hin, ansonsten völlige Winterpause. Keine Meldung, die uns aufpeppt, niederkloppt, querplatiniert oder zubodenblattert; es ist, als hätte ein Herr Sammer nie den Mund aufgemacht.

Wohltuend, dieses (man entschuldige die Wortwahl) Schweigen der Waffen an der Fußballnewsfront.

Vielleicht gibt es ja Dinge zwischen Himmel und Erden, die tatsächlich und wirklich wichtiger sind - ? Oder ist es nur die Ruhe vor dem Sturm?

Der nämlich spätestens den Sommer dieses Jahres prägen wird: in Brasilien, wenn der FIFA der heiße Wind des Protests ins Gesicht schlagen wird; in Katar, wenn die absoluten Monarchen (nein, nicht der Name einer Popband) das WM-Turnier retten wollen; in Deutschland, wenn die Ligen von vereinslosen Rumänen und Bulgaren überschwemmt werden wird.

Gut, Letzteres ist vielleicht nur auf Bayern begrenzt; aber dennoch tät ich mir wünschen, dass es mit der medialen Zurückhaltung in Sachen König Fußball im Verhältnis zu den inflationär sich verschlechternden Lebensbedingungen aller Nicht-Reichen vorüber sein wird und Fragen gestellt werden. Fragen, immer wieder Fragen. Nicht, was die Gründe sind, warum diese oder jener diesen oder jenen Verein lieben. Sondern nach Finanztransaktionen und politischer Beeinflussung.

Ein frommer Wunsch, ich weiß. Aber man muss gar nicht mal beten zu seiner Erfüllung.

28. Juni 2013

Heft 69 mit viel Holz vor der Hütt'n

In eigener Sache: ist doch gerade die neue Ausgabe von DER TÖDLICHE PASS frisch gedruckt ausgeliefert worden. So sieht das Titelbild aus:


Wir lassen darin u.a. die Champions-League Revue passieren, unterbreiten jede Menge Sommer-Lesevorschläge, mit denen es garantiert gelingt, SIE, die fußballlose Zeit zu überbrücken, und reisen mit unserem Cheflayouter nach Mexiko. In der allseits beliebten Rubrik "Tagebuch" fasst Claus Melchior noch einmal alle wichtigen Ereignisse der letzten Spieltage, Spielwochen und Spielmonate pointiert zusammen.

Weitere Infos unter www.dertoedlichepass.de

21. Juni 2013

Der unauffällige Vorsteher der Vernunft


Er stand und steht nicht gerne im Mittelpunkt. Aber wenn er was zu sagen hat, sagt er es laut und deutlich. Und fundiert. Und das seit vielen Jahren. Die Rede ist von Heribert Bruchhagen, Vorstand der Eintracht aus Frankfurt.

Unauffällig, aber kontinuierlich und sehr effizient hat er die Profiabteilung in mittlerweile recht luftige Höhen geführt: dank eines klaren Finanzkonzepts, klarer Vorgaben, klarer Grenzen. Sich dazu einen Trainer und einen Sportdirektor geangelt, die innerhalb dieser Vorgaben Erstaunliches aus der Mannschaft herausgeholt haben. Sicherlich ist der sportliche Höhenflug der Eintracht zuallererst das Verdienst von Armin Veh. Aber eben auch von Heribert Bruchhagen.

Der ist vor kurzem von der Frankfurter Rundschau interviewt worden. Und hat diese Einschätzung nicht nur bestätigt, sondern auch noch so dies und das zu Protokoll gegeben, das ihn als den kühlen Kopf kennzeichnet, der die Eintracht aus diversen Rotlichtern und rabenschwarzen Zeiten geholt hat. Und der möchte, dass dies auch nach seiner Zeit - der Mann wird 65 - noch so bleibt.

Berechenbar, Kontinuität, wirtschaftliche Vernunft - das sind die Konstanten, die seine erfolgreiche Arbeit bestimmen. Dass er mitunter als der große Bremser missverstanden wird, stört ihn nicht; ihm ist durchaus bewusst, dass der "gemeine Fan" von Pokalen und Erfolgen träumt, ohne sich dabei klarzumachen, woher das leider dafür nötige Geld kommen soll. Die Verlockungen des Finanzmarkts sind groß - "Angebote für diverse Finanzinstrumente, Fananleihen, von Konstrukten, die dafür sorgen, dass uns Spieler zur Verfügung gestellt werden, deren Transferrechte wir dann aber nicht mehr oder nur noch zum Teil besitzen. Gerade heute morgen ist mir ein solches konkretes Angebot wieder auf den Tisch gekommen", so Bruchhagen im FR-Interview. Die einzig vernünftige Reaktion darauf: "Ich habe abgelehnt."

Was frühere Vorstände nicht konnten oder nicht wollten. In welchem Ausmaß das schnelle Geld einen Verein fast zugrunde richten kann, weiß Bruchhagen genau: "Ab 1. Juli zahlen wir endlich nicht mehr 2,5 Millionen Euro pro Jahr für einen ISPR-Vertrag, der der Eintracht vor zwölf Jahren etwas mehr als neun Millionen Euro in die Kasse spülte und mit Zins und Tilgung 21 Millionen Euro kostete." Angesichts solcher finanzieller Schieflagen bleibt einem auch als Nicht-Eintracht-Fan der Mund offen stehen.

Und man kann erahnen, wie es um die deutsche Profi-Fußball-Finanzierungslandschaft bestellt ist. Wobei es ja im Vergleich zu anderen Ländern noch immer erheblich besser, sprich solider zugehen soll. Bleibt abzuwarten, ob das so bleibt. Nicht nur, aber auch, bei der Eintracht.

Das gesamte Interview gibt es hier nachzulesen:
http://www.fr-online.de/eintracht-frankfurt/interview-bruchhagen---der-trainer-hat-den-hut-auf-,1473446,23416078.html

9. Dezember 2012

Ein Monitor für den vierten!

Dortmund gegen Wolfsburg 2:3 - - und mit Verlaub, diesmal hat der Schiri das Spiel entschieden. Siehe anschließendes Bedauern, Entschuldigen etc. seitens des Herrn Unparteiischen.

Mag ja sein, dass er nicht richtig gesehen hat, sehen konnte, ob Schmelzer auf der Dortmunder Linie die Hand im Spiel hatte oder nicht. Siehe auch sein zögernder Pfiff. Aber bei einer solchen Entscheidung mit solcher Tragweite - Platzverweis, Strafstoß, der Spieler möglicherweise für x Spiele gesperrt, seine Spieler-Vita nun mit einer Roten Karte (mehr) bestückt - muss es möglich sein, sich rückzuversichern.

Und das wäre es ja auch: Stellt dem vierten Schiedsrichter doch einfach einen Monitor hin!

Es gibt genügend Videobilder, die in kürzester Zeit konsultiert werden können, das würde keine Verzögerung mit sich bringen. Die Zeit, die auf dem Spielfeld um den umstrittenen Pfiff diskutiert, gehadert, gezürnt usw. wird, ist womöglich länger als das Betrachten einer Spielszene.

Das heißt auch nicht: generelle Einführung des Videobeweises. Nicht in jedem Profispiel gibt es derartige Situationen. Aber man sollte seitens der DFL die Men-in-Black auch auf diese Art schützen und unterstützen. Der Aufwand wäre gering, der Nutzen erheblich.

10. August 2012

WIESENHOF neuer Hauptsponsor von WERDER BREMEN!?


Oh weh, geht’s noch?. Was haben sich Allofs & Co. dabei nur gedacht? Statt der in Misskredit (!) gefallenen Banken (im Falle Werders: Targo, ehem. Citibank) lieber auf ein bodenständiges Unternehmen umschwenken? Von der Wall Street schnurstracks in den Wienerwald? Statt Gold im Safe lieber das Gelbe vom Ei?

Mal nicht abgesehen von den Skandalen, die Wiesenhof in der letzten Zeit in Sachen Tierverwertungshaltung gewärtigen musste – das allein hält heutzutage ja keinen kapitalschluckenden Profiverein von Mesalliancen ab; da wird hemmungs- und moralisch gedankenlos angebandelt mit Atomkraftwerkern, Vermögensverzockern oder Flughafenbetreibern.

Was leicht wegzustecken wäre. Wenn nicht jetzt ab sofort die Metaphorik ins Spiel käme.

Was wird man als Werder-Fan nicht alles ertragen müssen: von der Hühnerhaufen-Abwehr über die Hühneraugen der nicht treffenden Stürmer bis zu den armen, blinden, dummen oder verrückten Hühnern auf dem Spielfeld. Die Presse wird immer wieder ein Hühnchen zu rupfen haben, die Spieler werden mit den Hühnern zu Bett gehen müssen, wenn es Trainer Schaf so will; Häme über Häme wird es geben, wenn der Klub auf der Hühnerleiter der Liga im Mist stecken bleiben sollte.

Die Geschäftsführung gibt sich angesichts all dessen trotzig: „Wir haben uns für Wiesenhof entschieden, nachdem wir uns in intensiven Gesprächen mit den Verantwortlichen über den Betrieb, die Motivation und die Ziele ausgetauscht haben. Wir werden in ständigem Kontakt sein und uns auch vor Ort über die Prduktionsstätten [im Original; dtpBlog] von Wiesenhof informieren.“ Wie? Was? Sollen die Spieler eine Art Mahnwache für das gerupfte Huhn vor den Wiesenhof-Mästereien abhalten? Da lachen ja die Hühner.

Und der gemeine Werder-Fan? Wird sich auswärts erst mal nicht mehr blicken lassen; zu sehr wird er unter dem Gespött der Gegenseite Federn lassen müssen. Schon jetzt – um ein altes Sprichwort zu zitieren – sitzt er da, als ob ihm die Hühner das Brot gefressen hätten.

15. Mai 2012

Fußballgeldwelt

Da kann sich jeder einen eigenen Reim drauf machen... oder zwei oder drei:


Länderfinanzausgleich LFA 2011 und Zahl der Profivereine 1.-3. Liga Saison 12/13 sowie ausgesuchte Statistikwerte // nach Bundesländern

     Ranking Straftaten: www.bundeslaenderranking.de
     Ranking Gewerbesteuer: www.regionalstatistik.de

Land
Zahlung/
Erhalt
Erst-
ligisten
Zweit-ligisten
Dritt-ligisten
Ranking LFA
Ranking Vereine
Ranking Gewerbesteuer Istaufkommen
Ranking Straftaten je 100.000 Einwohner
BE
3.043
0
2
0
16
10
8
16
BW
−1.779
3
2
2
3
3
3
2
BY
−3.663
4
2
2
1
2
2
1
BB
440
0
1
1
11
11
11
13
HB
516
1
0
0
12
8
16
15
HH
−62
1
1
0
4
6
6
14
HE
−1.804
1
1
3
2
5
4
4
MV
429
0
0
1
10
12
15
10
NI
204
2
1
1
7
4
5
8
NW
224
5
4
4
8
1
1
12
RP
234
1
1
0
9
6
7
6
SL
120
0
0
1
6
12
14
7
SN
918
0
2
1
15
9
9
5
ST
540
0
0
1 (Halle)
14
12
12
11
SH
115
0
0
0
5
16
10
9
TH
527
0
0
1
13
12
13
3

28. April 2012

Und Frank Schaefer schlünzt lieber rum


Ein blog-Gastbeitrag unseres Kölner Korrespondenten Bruno Laberthier

In den aufgeregten Wochen rund ums Kölner Saisonfinale 2011/2012 überbieten sich die Sportjournalisten in den Redaktionsstuben nah und (vor allem) fern mit Phrasen, Sottisen und Wortspielen. „Ein Spinner führt den 1.FC Köln“, legt Stephan von Nocks am Abend nach der außerordentlichen Mitgliederversammlung in einem Online-Kommentar los.1 Immerhin, der in den Augen vieler Fans kritisch betrachtete Kicker-Reporter mit dem Zuständigkeitsbereich Geißbockheim äußert sich verhalten positiv über die Wahl Werner Spinners und seiner beiden Vizes, darunter Harald „Toni“ Schumacher, mit der nicht nur die fünfmonatige und wenig glücklich verlaufene vorstandslose Zeit ein Ende nimmt, sondern auch ein autokratischer Führungsstil wie der unter Wolfgang Overath und Freunden durch flachere Hierarchien ersetzt werden soll.
Auch der dem FC in Sympathie zugetane Phillip Selldorf macht am Tag nach der Wahl mit einem Späßchen auf. In der Süddeutschen heißt es unter dem Titel „Ende einer Bananenrepublik“ eingangs: „Natürlich ist es ein herrlicher Witz, dass sich am Montagabend mehr Mitglieder des 1. FC Köln als je zuvor zur Vollversammlung trafen, um eine stadtbekannte Karnevalsgröße an die Spitze ihres Vereins zu wählen“.2 Gemeint ist der zweite Vize neben „Tünn“, Markus Ritterbach, der bis dato das Festkomitee Kölner Karneval geleitet hat und in seinem neuen Amt für die so wichtigen „Kontakte in die lokale Wortschaft“ zuständig sein soll. Immerhin, auch Selldorf spricht am Ende von einem „guten Anfang“, den der Verein nach dem postoverathschen Chaos mit der Wahl von Spinner & Co. (und der Nichtwahl eines Schattenvorstands um FC-Legende Kalli Thielen) gemacht habe.
Na denn. Wenn nun also „die Treppe von oben gefegt werden soll“, wie Spinner nach seiner Wahl verlautbarte und dabei den Wirkungsbereich des Vereinsbosses und seiner beiden Adjutanten gleich als erstes mit meinte – dann immer ran. Mehr als nur „Einiges“ liegt schließlich im Argen, und vor allem beim Personal mit Führungs- oder Direktorenverantwortung klaffen Lücken.
Als letzter Mohikaner schleppt sich seit Wochen Geschäftsführer Claus Horstmann über die Ziellinie einer Saison, bei der man bis kurz vor Schluss der 34 Pflichtspiele noch nicht weiß, ob zwei Sonderschichten geschoben werden müssen, man direkt runtergeht in die 2. Liga oder doch noch den weit unterhalb des vor der Spielzeit definierten Zielkorridors liegenden Platz 15 erreicht. Horstmann mag man Ahnung von den wirtschaftlicheren unter den Belangen einer Bundesliga-Vereinsführung unterstellen – im sportlichen Bereich verfügt er, und das sagt er selbst erfreulich offen, über keinerlei Expertise. Entsprechend alleingelassen von den Overaths und scheinbar vorgeschoben vom Interimsboss, dem Verwaltungsrats-Vorsitzenden Werner Wolf, oblag ihm die Entscheidung und Verkündigung der Rauswürfe von, nacheinander, Sportdirektor Volker Finke (Begründung: Solbakken kann nicht mit dem und vice versa, einer musste also gehen) und Trainer Ståle Solbakken (Begründung: Solbakken kann auch nicht mehr, noch einer musste also gehen, um den Klassenerhalt doch noch irgendwie hinzubekommen).
Eine Zeit lang saß man beim FC somit im falschen Film. Gegeben wurde „Horstmann allein zu Haus“, dem zeitweise der komplette Club um die Ohren flog. Und als hätten sie’s böse und gemein ausnutzen wollen, leisten sich zu guter letzte auch die Profikicker ihre postkarnevalistischen Eskapaden. Slawomir Peszko bläst sich in der Osternacht, statt sich gut polnisch-katholisch am Lichtermeer in der Ostermette zu erfreuen, selbst das Licht aus und prügelt außerdem hackebreit auf das Taxameter eines Kölner Taxis ein, das ihn und einen Nationalelf-Kollegen offenbar nicht zum ÖPNV-Tarif in die nächste Kneipe kutschieren wollte. Und das Stunden nach dem 1:1 daheim gegen Bremen und – viel schlimmer – zwei Tage vor dem nächsten Abstiegskampf-Spiel in der einzigen englischen Woche weit und breit, die der FC in dieser Rückrunde bestreiten musste. Lukas Podolski meckert nicht nur auf dem Platz viel zu viel und viel zu oft, sondern fängt sich einen Rüffel ein, weil er sich im Präsidentschaftswahlkampf für besagtes Schattenkabinett unter Thielen ausspricht, in dem sein Mäzen und Gönner Franz-Josef Wernze den Mann für die Finanzen und die „Kontakte in die lokale Wirtschaft“ abgeben soll. Schließlich folgt einem wehr- und willenlosen Auftritt der Mannschaft in Mainz eine weitere Schlappe in Ostholland. Auch der Rausschmiss von Solbakken und die Indienststellung von Frank Schaefer schien nichts zu bringen.
Okay, Frank Schaefer. Was für eine Rolle spielt der eigentlich? Bei den Fans ist er beliebter als sämtliche sonstigen Funktions- und Verantwortungsträger des Vereins zusammengenommen – aber bringt (ihm) das was? Immerhin, der Auftritt nach dem Desaster in Mönchengladbach gegen den wahrlich keinen Kindergartenfußball zelebrierenden VfB Stuttgart war mehr als ansehnlich: Plötzlich stand da wieder eine Truppe mit Zusammenhalt, Kampfgeist und unter norwegischer Ägide kaum mehr gekannter Laufbereitschaft auf dem Platz. Holt Schaefer tatsächlich mit einem Jahr Verzögerung nochmal das nach, was ihm in der Spielzeit 2010/2011 versagt geblieben war, weil er selbst den Rückzieher gemacht und eine gefährlich der Zweitklassigkeit entgegen dümpelnde Truppe für die letzte drei Saisonspiele seinem Widersacher Volker Finke übergeben hatte? Schafft er es, den Abstieg zu verhindern?
Gleich, ob ja oder nein: Als dauerhafter Coach einer Profimannschaft sieht sich Schaefer offenbar nicht. Stattdessen schlünzt er lieber rum.
Und das ist vielleicht das Beste, was er tun kann: für sich und seinen Verein.
Denn „schlünzen“ ist kein Tippfehler und sollte vielmehr schlunzen heißen. Nein, „schlünzen“ ist noch so ein Wortspiel. Von Nocks und Selldorf stecken auch Ihren Laberthier an.
„Schlünzen“ kommt von Schlünz, Juri Schlünz.
Juri Schlünz: zuerst Spielerlegende, dann Co-Trainer von Hansa Rostock, dem es dreimal vergönnt war, als treueste Seele des Ostseeclubs überhaupt das Ruder zu übernehmen, wenn die Not am größten war: nach Zachhuber, nach Funkel, nach Veh. Zweimal ging es gut und Abstiege wurden vermieden. Beim dritten Mal, als Juri Schlünz sich dann reif für die Aufgabe (und innerlich, die Annahme) des Cheftrainerpostens fühlte, ging es daneben: nach einer 0:6-Klatsche daheim gegen den Hamburger SV schmiss er hin.
Frank Schaefer ist in Vielem schon jetzt der kölsche Juri. Einer mit maximaler Identifikation mit dem FC. Einer, der genau deswegen bei den Anhängern ein gewaltiges Standing hat. Einer, den auch die Verantwortlichen beim 1. FC Köln dauerhaft und in verantwortungsvoller Position binden möchten. Dazu einer, der sich bislang immer wieder zurückgenommen und die Chefcoach-Jacke an den Nagel gehängt hat, wenn eine Mission erfolgt war.
Wenn Frank Schaefer jetzt noch aus dem einen Fehler lernt, den der hanseatische Juri begangen hat, und er den Verlockungen des Cheftrainerpostens weiter widersteht (was viele in Köln nicht verstehen würden), dann wäre für zukünftige Missionen viel gewonnen. Denn solche Missionen werden in den kommenden Jahren vermutlich nochmal nötig, fürchtet Ihr Laberthier. Hoffentlich seltener als bislang - doch wahrscheinlicher als die Europa League-Qualifikation oder der Einzug ins DFB-Pokalfinale sind solche Sondereinsätze allemal.
Also, werter Frank Schaefer: Mach‘ et nit.
Lieber weiter rumschlünzen.

1 http://www.kicker.de/news/fussball/bundesliga/startseite/567951/artikel_spinner---eine-chance-fuer-den-1-fc-koeln.html

2 http://www.sueddeutsche.de/sport/krisenklub-fc-koeln-ende-einer-bananenrepublik-1.1340911

16. April 2012

Trolli-Piraten

Fürth also. Nachdem letztes Jahr ein unscheinbares Team aus einer unscheinbaren Stadt zwischen München und Stuttgart den Aufstieg in die Erste Liga geschafft hat, nunmehr der zweite Verein aus Bayern, der die Zweite Liga hinter sich lässt.

Vielleicht ist ja der Aufstieg der Fürther vergleichbar dem Aufstieg der Piraten in die erste politische Liga - zugegeben, der Verglich hinkt, ist doch das Programm der SpVgg wesentlich schärfer fokussiert. Aber vom Flair her - - die Unbekümmerten, die Unverbrauchten kommen. Und beleben die alte Weisheit wieder, die da lautet: variatio delectat.

Wenn am Ende denn tatsächlich und -kräftig noch der SC Paderborn den Sprung schaffen sollte, könnte man von Zeichen und Wundern sprechen.

Mal ganz abgesehen davon, dass - vorausgesetzt, die Augsburger halten sich da oben - dann vier Vereine von 18 aus Bayern kommen (und der fünfte, welcher der zweite aus München ist, sich gerade anschickt, nach Höherem zu streben): das wird mit Sicherheit Tafelwasser auf die Mühlen der CSU sein. Auch wenn die Vergleiche hinken.

1. April 2012

Magath zu Chelsea

Das wäre der Ritterschlag für ihn: Der FC Chelsea ist an Felix Magath interessiert. Wie aus ungewöhnlich gut unterrichteten Kreisen verlautete, will der Abramowitch-Klub den Wolfsburger Coach so schnell wie möglich verpflichten. Begründung: Magath passe ideal in das Anforderungsprofil des englischen Vereins - er könne auf Teufel komm' raus eine Unzahl an Spielern verpflichten, sich als Manager und Sportdirektor alle Transfers selbst genehmigen und besitze die richtige Einstellung zu qual-itätsvollem Training. Als Ablösesumme an den VW-Konzern sind die Opel-Werke im Gespräch.

31. März 2012

ZIELGERADE

Nein, das ist kein verkappter Imperativ für Biathleten... wir machen einfach mal auf kicker und umfragen Ihnen:
Die Saison geht auf die Zielgerade. Der BVB behauptet die Spitze - noch, denn der FC Bayern lauert. Wer reckt am Ende die Salatschüssel in den Himmel?

Stimmen Sie ab unter www.dertoedlichepass.de/umfrage.html !