22. März 2018

Es ist nicht nur ein Fußballspiel, es ist ein Game

Neulich gab der Spieler Jonathan de Guzman von Eintracht Frankfurt ein an und für sich nicht besonders aufregendes Interview der Frankfurter Rundschau. Darin hob er den „German Style" heraus, der seiner Überzeugung nach einen großen Anteil am "Höhenflug" der Eintracht habe - deutsche Tugenden wie Pünktlichkeit oder Disziplin und harte Arbeit, vor allem auch an den kleinen Details würden dafür sorgen, dass ein Rädchen ins andere greife.

Ob nun diese Tugenden geradewegs so deutsch und nur deutsch sind, sei dahingestellt. Bemerkenswerter erschien mir ein kleines sprachliches Detail in de Guzmans Interview. Bezug nehmend auf den Erfolg des Teams stellte er fest: „Wir mussten uns am Anfang finden, aber dann hat jeder schnell erkannt, was für eine Mentalität in diesem Team steckt. Wir können jedem Gegner Schaden zufügen. Wenn wir so weiterspielen wie wir bis jetzt gespielt haben, dann können wir eine gute Sache erreichen."

Was fällt auf? Jener Satz, der direkt aus dem Gaming-Sprech stammt: „Wir können jedem Gegner Schaden zufügen."

Wir wissen nicht, ob Herr de Guzman World of Warcraft, League of Legends oder Clash Royale in seiner Freizeit spielt. Wir wissen aber jetzt, dass das Fußballspiel ein anderes geworden ist - zwar geht es immer noch raus auf den Platz, der Blick auf Ball und Gegner scheint jedoch ein neuer zu sein. Sicher, die Tore zählen nach wie vor, mindestens ebenso wichtig aber ist der"damage", dem man der anderen Mannschaft "zufügt" - um den Gegner zu schwächen, auszuschalten, das nächste Level zu erreichen.

Verwerflich ist daran nichts. Es ist nur ein anderes Paradigma, das sich etabliert hat.

13. März 2018

Ego-Bonanza

Nach der 0:6-Niederlage beim FC Bayern: HSV-Fans stellen elf Kreuze am Zaun des Trainingsgeländes auf, entrollen ein Banner: "Eure Zeit ist abgelaufen!" Und als ob das nicht schon Drohung genug wäre: "Wir kriegen euch alle!" Die HSV-Spieler, zum Abschuss freigegeben?

Beim Spiel von West Ham United gegen FC Burnley rennt nach dem 0:1 für Burnley ein West-Ham-Fan aufs Spielfeld zum Protestappell. Nach dem 0:2 greift sich ein West-Ham-Fan die Eckfahne, rennt los und rammt sie demonstrativ in den Anstoßpunkt. Die 'Hammers'-Spieler, zum Pfählen freigegeben?

Einen Platzsturm brechen die Anhänger von OSC Lille angesichts des drohenden Abstiegs vom Zaun. Rund 200 Fans rennen aufs Spielfeld und bedrohen die Spieler verbal, werden handgreiflich. Die Lille-Spieler, zum Niederknüppeln freigegeben?

Kurz vor Ende des Spiels zwischen dem Tabellenzweiten PAOK Salonike gegen Tabellenführer AEK Athen erkennt der Schiedsrichter beim Stande von 0:0 ein Tor von Paoks Spieler Fernando Varela wegen Abseits nicht an. Saloniki Präsident Iwan Savvidis rennt mit sieben Bodyguards auf den Platz, direkt auf Schiedsrichter Georgios Kominis zu, die Hand an einer Pistole , die er an der Hüfte trägt. „Du bist als Offizieller am Ende“, soll Savvidis zu Kominis gesagt haben. Der Schiedsrichter, knapp dem Tod entronnen?

Auch wenn der griechische Innenminister kurz darauf den Ligabetrieb erst einmal untersagt hat - das, was sich als Wild-West-Bonanza dort abgespielt hat, fügt sich ein in eine Entwicklung, wie sie allgemein in kapitalistischen Konsumgesellschaften überhand nimmt: das Ich, das Ego, steht an erster Stelle, steht vor jeglicher Moral, vor jeglichen sozialen Regeln.

So meint der Fan, mit dem geldlichen Erwerb eines Tickets oder einer Dauerkarte wohl auch einen Anspruch auf Gewinnen, auf Siege erworben zu haben, den er (Frauen wo gesichtet worden dabei?) dann geltend macht und radikal einfordert, sobald nicht erfüllt. Notfalls mit Gewalt. Die Waffe des PAOK-Präsidenten ist im Ansatz der Amoklauf eines persönlich enragierten Ego-Monsters. Ich kaufe, also bin ich, also krieg ich bitteschön.

Ende Gemeinschaft, Ende Gesellschaft. Ihr anderen alle geht mir sowasvon am Arsch vorbei. ICH allein zähle. ICH allein will schneller, höher, weiter, besser, reicher, schöner ... sein.

Willkommen im Ego-Faschismus.

12. März 2018

HSV oder Ha-ha-SV oder Ha-ha-ha-ha-ha-ha-ha-SV?

Also mal ehrlich: einen Verein, der sich Schritt für Schritt selbst auflöst - einen wohlgemerkt Profi-Erstligaverein - hat man den schon mal erlebt?

Das, was beim HSV derzeit geschieht, hat etwas von Kernschmelze und Selbstmord in einem. Die erste Mannschaft (die zweite ist ja gerade Tabellenführer der Regionalliga Nord) spielt sich zielsicher in die zweite Liga (ach ja, die Sehnsucht nach einem echten Derby ist groß wohl), und die sogenannte Vereinsführung führt einen Managementstreich nach dem anderen aus. Wäre der HSV an der Börse, er wäre längst schon im Keller vom wilden Dax zerfleddert worden.

Es ist ein Abschied, der fast schon bühnenreif ist: erst feuert man die Trainer, dann den Sportdirektor, den Manager, dann wieder den Trainer - allein an die Mannschaft traut sich noch keiner so recht heran. Dabei hatte doch schon Bertold Brecht vor vielen Jahrzehnten den passenden Vorschlag lyrisch unterbreitet: "Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?"

So lacht die halbe Nation über die unprofessionellen Liga-Profis. Vielleicht liegt aber ganz woanders der Höllenhund begraben: und man will endlich diesen tonnenschweren Dino-Ballast loswerden! Endlich auch mal absteigen dürfen - endlich mal kein Erstligafußball eine Zeitlang mehr in Hamburg. Da könnte man ja tatsächlich versuchen, Karten für die Elbphilharmonie zu bekommen.