28. April 2012

Und Frank Schaefer schlünzt lieber rum


Ein blog-Gastbeitrag unseres Kölner Korrespondenten Bruno Laberthier

In den aufgeregten Wochen rund ums Kölner Saisonfinale 2011/2012 überbieten sich die Sportjournalisten in den Redaktionsstuben nah und (vor allem) fern mit Phrasen, Sottisen und Wortspielen. „Ein Spinner führt den 1.FC Köln“, legt Stephan von Nocks am Abend nach der außerordentlichen Mitgliederversammlung in einem Online-Kommentar los.1 Immerhin, der in den Augen vieler Fans kritisch betrachtete Kicker-Reporter mit dem Zuständigkeitsbereich Geißbockheim äußert sich verhalten positiv über die Wahl Werner Spinners und seiner beiden Vizes, darunter Harald „Toni“ Schumacher, mit der nicht nur die fünfmonatige und wenig glücklich verlaufene vorstandslose Zeit ein Ende nimmt, sondern auch ein autokratischer Führungsstil wie der unter Wolfgang Overath und Freunden durch flachere Hierarchien ersetzt werden soll.
Auch der dem FC in Sympathie zugetane Phillip Selldorf macht am Tag nach der Wahl mit einem Späßchen auf. In der Süddeutschen heißt es unter dem Titel „Ende einer Bananenrepublik“ eingangs: „Natürlich ist es ein herrlicher Witz, dass sich am Montagabend mehr Mitglieder des 1. FC Köln als je zuvor zur Vollversammlung trafen, um eine stadtbekannte Karnevalsgröße an die Spitze ihres Vereins zu wählen“.2 Gemeint ist der zweite Vize neben „Tünn“, Markus Ritterbach, der bis dato das Festkomitee Kölner Karneval geleitet hat und in seinem neuen Amt für die so wichtigen „Kontakte in die lokale Wortschaft“ zuständig sein soll. Immerhin, auch Selldorf spricht am Ende von einem „guten Anfang“, den der Verein nach dem postoverathschen Chaos mit der Wahl von Spinner & Co. (und der Nichtwahl eines Schattenvorstands um FC-Legende Kalli Thielen) gemacht habe.
Na denn. Wenn nun also „die Treppe von oben gefegt werden soll“, wie Spinner nach seiner Wahl verlautbarte und dabei den Wirkungsbereich des Vereinsbosses und seiner beiden Adjutanten gleich als erstes mit meinte – dann immer ran. Mehr als nur „Einiges“ liegt schließlich im Argen, und vor allem beim Personal mit Führungs- oder Direktorenverantwortung klaffen Lücken.
Als letzter Mohikaner schleppt sich seit Wochen Geschäftsführer Claus Horstmann über die Ziellinie einer Saison, bei der man bis kurz vor Schluss der 34 Pflichtspiele noch nicht weiß, ob zwei Sonderschichten geschoben werden müssen, man direkt runtergeht in die 2. Liga oder doch noch den weit unterhalb des vor der Spielzeit definierten Zielkorridors liegenden Platz 15 erreicht. Horstmann mag man Ahnung von den wirtschaftlicheren unter den Belangen einer Bundesliga-Vereinsführung unterstellen – im sportlichen Bereich verfügt er, und das sagt er selbst erfreulich offen, über keinerlei Expertise. Entsprechend alleingelassen von den Overaths und scheinbar vorgeschoben vom Interimsboss, dem Verwaltungsrats-Vorsitzenden Werner Wolf, oblag ihm die Entscheidung und Verkündigung der Rauswürfe von, nacheinander, Sportdirektor Volker Finke (Begründung: Solbakken kann nicht mit dem und vice versa, einer musste also gehen) und Trainer Ståle Solbakken (Begründung: Solbakken kann auch nicht mehr, noch einer musste also gehen, um den Klassenerhalt doch noch irgendwie hinzubekommen).
Eine Zeit lang saß man beim FC somit im falschen Film. Gegeben wurde „Horstmann allein zu Haus“, dem zeitweise der komplette Club um die Ohren flog. Und als hätten sie’s böse und gemein ausnutzen wollen, leisten sich zu guter letzte auch die Profikicker ihre postkarnevalistischen Eskapaden. Slawomir Peszko bläst sich in der Osternacht, statt sich gut polnisch-katholisch am Lichtermeer in der Ostermette zu erfreuen, selbst das Licht aus und prügelt außerdem hackebreit auf das Taxameter eines Kölner Taxis ein, das ihn und einen Nationalelf-Kollegen offenbar nicht zum ÖPNV-Tarif in die nächste Kneipe kutschieren wollte. Und das Stunden nach dem 1:1 daheim gegen Bremen und – viel schlimmer – zwei Tage vor dem nächsten Abstiegskampf-Spiel in der einzigen englischen Woche weit und breit, die der FC in dieser Rückrunde bestreiten musste. Lukas Podolski meckert nicht nur auf dem Platz viel zu viel und viel zu oft, sondern fängt sich einen Rüffel ein, weil er sich im Präsidentschaftswahlkampf für besagtes Schattenkabinett unter Thielen ausspricht, in dem sein Mäzen und Gönner Franz-Josef Wernze den Mann für die Finanzen und die „Kontakte in die lokale Wirtschaft“ abgeben soll. Schließlich folgt einem wehr- und willenlosen Auftritt der Mannschaft in Mainz eine weitere Schlappe in Ostholland. Auch der Rausschmiss von Solbakken und die Indienststellung von Frank Schaefer schien nichts zu bringen.
Okay, Frank Schaefer. Was für eine Rolle spielt der eigentlich? Bei den Fans ist er beliebter als sämtliche sonstigen Funktions- und Verantwortungsträger des Vereins zusammengenommen – aber bringt (ihm) das was? Immerhin, der Auftritt nach dem Desaster in Mönchengladbach gegen den wahrlich keinen Kindergartenfußball zelebrierenden VfB Stuttgart war mehr als ansehnlich: Plötzlich stand da wieder eine Truppe mit Zusammenhalt, Kampfgeist und unter norwegischer Ägide kaum mehr gekannter Laufbereitschaft auf dem Platz. Holt Schaefer tatsächlich mit einem Jahr Verzögerung nochmal das nach, was ihm in der Spielzeit 2010/2011 versagt geblieben war, weil er selbst den Rückzieher gemacht und eine gefährlich der Zweitklassigkeit entgegen dümpelnde Truppe für die letzte drei Saisonspiele seinem Widersacher Volker Finke übergeben hatte? Schafft er es, den Abstieg zu verhindern?
Gleich, ob ja oder nein: Als dauerhafter Coach einer Profimannschaft sieht sich Schaefer offenbar nicht. Stattdessen schlünzt er lieber rum.
Und das ist vielleicht das Beste, was er tun kann: für sich und seinen Verein.
Denn „schlünzen“ ist kein Tippfehler und sollte vielmehr schlunzen heißen. Nein, „schlünzen“ ist noch so ein Wortspiel. Von Nocks und Selldorf stecken auch Ihren Laberthier an.
Schlünzen“ kommt von Schlünz, Juri Schlünz.
Juri Schlünz: zuerst Spielerlegende, dann Co-Trainer von Hansa Rostock, dem es dreimal vergönnt war, als treueste Seele des Ostseeclubs überhaupt das Ruder zu übernehmen, wenn die Not am größten war: nach Zachhuber, nach Funkel, nach Veh. Zweimal ging es gut und Abstiege wurden vermieden. Beim dritten Mal, als Juri Schlünz sich dann reif für die Aufgabe (und innerlich, die Annahme) des Cheftrainerpostens fühlte, ging es daneben: nach einer 0:6-Klatsche daheim gegen den Hamburger SV schmiss er hin.
Frank Schaefer ist in Vielem schon jetzt der kölsche Juri. Einer mit maximaler Identifikation mit dem FC. Einer, der genau deswegen bei den Anhängern ein gewaltiges Standing hat. Einer, den auch die Verantwortlichen beim 1. FC Köln dauerhaft und in verantwortungsvoller Position binden möchten. Dazu einer, der sich bislang immer wieder zurückgenommen und die Chefcoach-Jacke an den Nagel gehängt hat, wenn eine Mission erfolgt war.
Wenn Frank Schaefer jetzt noch aus dem einen Fehler lernt, den der hanseatische Juri begangen hat, und er den Verlockungen des Cheftrainerpostens weiter widersteht (was viele in Köln nicht verstehen würden), dann wäre für zukünftige Missionen viel gewonnen. Denn solche Missionen werden in den kommenden Jahren vermutlich nochmal nötig, fürchtet Ihr Laberthier. Hoffentlich seltener als bislang - doch wahrscheinlicher als die Europa League-Qualifikation oder der Einzug ins DFB-Pokalfinale sind solche Sondereinsätze allemal.
Also, werter Frank Schaefer: Mach‘ et nit.
Lieber weiter rumschlünzen.

1 http://www.kicker.de/news/fussball/bundesliga/startseite/567951/artikel_spinner---eine-chance-fuer-den-1-fc-koeln.html

2 http://www.sueddeutsche.de/sport/krisenklub-fc-koeln-ende-einer-bananenrepublik-1.1340911

Keine Kommentare:

Kommentar posten