8. September 2012


Aus aktuellem Anlass ausgebuddelt:


Begleitende Abwehr

Begleitende Abwehr, so heißt sie wohl, diese Entsprechung des „aktiven Zuhörens“ im Fußball: Wir befinden uns im EL-Spiel zwischen Paris St. Germain und Borussia Dortmund. Die Schlussphase läuft, Paris drückt noch einmal. Der sehr agile Guillaume Hoarau nähert sich dem Strafraum, der Zuschauer ahnt Böses. Der Franzose ist bedrohlich schnell unterwegs, gleich dringt er in den Strafraum ein und bekommt, man ahnt es bereits, einen Elfmeter zugesprochen, denn als leichtfüßig war einem der Mann, der ihm noch im Weg steht, noch nicht aufgefallen, eher als etwas klobig. Doch dieser Mann, Marcel Schmelzer,  macht auf einmal – scheinbar – den Weg frei. Er driftet im Seitwärtslauf leicht nach innen und animiert, nein: zwingt Hoarau zum Geradeauslaufen, läuft dann selbst, nun nicht mehr seitlich, sondern im Sprint, eine recht enge Rechtskurve, jagt dem überraschten, wohl mit einer derben Ruhrgebietsgrätsche rechnenden Hoarau mit fast als großväterlich zu bezeichnender Ruhe im eigenen Sechzehner den Ball ab und startet einen Sololauf an der linken Außenbahn entlang, den Hamburgs Marcell Jansen alle paar Monate mal zeigt, den man ansonsten aber nur beim American Football  zu sehen bekommt.

Auf seiner eigenen Internetseite nennt Schmelzer als Ziel noch, Stammspieler in einer Bundesliga-Mannschaft werden zu wollen. Dieses Ziel hat er längst erreicht, noch dazu nicht in irgendeiner Bundesligamannschaft und außerdem qua Verdrängung einer echten Dortmunder Ikone: Dede. Dass Schmelzer kein eleganter Spieler ist, stört dabei keineswegs; auch im Dortmund 2011 kommt ehrliche, sichtbar anstrengende Arbeit noch gut an, und von den geradezu grotesken Bewegungen, die ein Sebastian Boenisch beim Schlagen einer Flanke vollführt, ist Schmelzer doch noch ein gutes Stück entfernt.

Ob es zu einer Nationalmannschaftskarriere reicht, die diesen Namen verdient, dürfte maßgeblich von zwei weiteren Marcel(l)en abhängen: dem genannten Hamburger, meist verletzten, und dem Wolfsburger. Beide leben mit dem Handicap, in einer mehr oder minder desolaten Mannschaft zu spielen – was in Wolfsburg und Hamburg durchaus zum System gehört. 

Gerald W.

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